Szenisches Fechten (Bühnen- oder Theaterfechten)

von Michael M.Hewer

 
 

Wie viele Schauspieler bin ich während meiner Ausbildung mit dem Fach "Bühnenfechten" in Berührungm gekommen und sehr schnell wandelte sich meine anfängliche Skepsis gegenüber dem veralteten, "konservativen" Theaterlehrfach in wahre Begeisterung. Wer hat nicht als Junge davon geträumt, wie Eroll Flynn kämpfend über ein Piratenschiff zu stürmen oder wie Zorro die Bösewichte mit dem Degen in der Hand zu stellen. Später habe ich in meinen Kursen festgestellt, daß auch Mädchen mit Begeisterung die Klinge schwingen können. Doch warum Fechten in der Schauspielausbildung? Die Liste der Fechtszenen im Theater ist nicht sehr lang und im Film ist Fechten oft ein Job für Stuntmen. Die Chance, als Schauspieler eine Fechtszene zu spielen, ist relativ gering und für Frauen fast null. Trotzdem, lassen wir einmal die spektakuläre Seite außer Acht, so werden wir feststellen, daß diese "Kunst" in der Ausbildung der Schauspieler einen hohen Stellenwert hat. Ersetzen wir die Begriffe "Bühnenfechten" und "Theaterfechten" durch "szenisches Fechten", da diese Technik auf der Bühne und in ähnlicher Form im Film Anwendung findet und dieser Begriff weit mehr die schauspielerische Seite dieser Fechtart betont.

Genau betrachtet ist Fechten eine Dialogsform, ein Dialog zwischen zwei Partnern mit der Waffe in der Hand. Und somit gelten die gleichen Regeln wie bei der Textarbeit. Ein Duell setzt sich wie ein Text aus Sätzen zusammen. So wie ich die Sprache im Text moduliere, moduliere ich die Aktion im Gefecht.

Beide Dialogspartner arbeiten zusammen, der Eine ist offen für die Schwächen und Stärken des Anderen. Daraus ergibt sich ein Rhythmus, wie bei jedem szenischen Spiel. Dieser Spielrhythmus, der durch die Interaktion der Schauspieler entsteht, bestimmt im wesentlichen das Interesse, welches der Zuschauer ihrer Spielszene entgegen bringt.

Das A und O für den Schauspieler ist das Erlernen und Behalten von Texten. Ein gutes Textgedächtnis ist sehr wichtig. Im Unterschied dazu haben Tänzer normalerweise ein sehr gutes Bewegungsgedächtnis. Heute wird vom Schauspieler immer häufiger verlangt, neben dem Text auch kompliziertere Bewegungsabläufe zu lernen, was viele vor schier unlösbare Probleme stellt. Beim szenischen Fechten erlernt der Schauspieler Bewegungsabläufe und Choreographien, denn Fechtszenen sind bis ins kleinste Detail geregelt. Da er mit einer "Waffe" arbeitet, die häufig nur bestimmte Bewegungen zuläßt, ist das Behalten von Choreographien leichter. Das Bewegungsgedächtnis wird geschult.

Richtige Fechtszenen erobern regelrecht die Bühne. Eine Fechtchoreographie wird nicht nur für eine Geschichte, deren Akteure, sondern auch für einen Bühnenraum geschaffen. Der Schauspieler bewegt sich im Bezug zu seiner Rolle, seiner Aktion und dem Publikum auf der Bühne. Das Fechten vermittelt ihm eine Raumerfahrung, da er sich zu jedem Zeitpunkt bewußt sein muß, wo genau auf der Bühne er sich befindet.

m Es ist klar, Degen oder Schwert dienten ursprünglich dazu, einen Gegner kampfunfähig zu machen oder zu töten. Die beim Theater oder beim Film verwendeten Waffen sind oft orginalgetreue Kopien und besitzen die gefährlichen Eigenschaften der Originale. Kopie oder Original, eine Waffe ist immer gefährlich. Bei der Arbeit mit Blankwaffen wird der Schauspieler mit nicht alltäglichen Gefühlen konfrontiert. Da ist Angst! Angst vor dem Partner, den man nicht kennt, mit dem man noch nie gearbeitet hat und von dem man nicht weiß, ob er einem das spitze Ding nicht aus Versehen zwischen die Rippen schiebt und die Angst, selbst den Partner zu verletzen. Unsicherheit und Zweifel am eigenen Können erhöhen das Risiko.

Wie bei der Textarbeit ist die Technik ein Mittel, Angst zu kontrollieren und sie gezielt für die Szenenarbeit einzusetzen. Um eine fremde Sprache zu sprechen, muß ich Vokabeln und Grammatik lernen. Das Gleiche gilt fürs Fechten. Kennt der Schauspieler die Grammatik und die Vokabeln des Fechtens, kann er daraus Sätze und Choreographien konstruieren. Die Arbeit mit einer Waffe birgt ein Verletzungsrisiko für ihn und seinen Partner. Beherrscht der Schauspieler die Handhabung der Waffe, ist er sich seinen Bewegungen und Gefühlen bewußt, er wird präzise in seiner Arbeit. Damit erhöht sich seine Sicherheit und die seines Partners und die Wirksamkeit seiner Rolle. Eine Fechtszene muß hundert mal wiederholbar sein, genau wie jede normale Theaterszene.

Fechten verlangt vom Schauspieler einen körperlichen Einsatz und ist nicht zuletzt auch Sport. Beim szenischem Fechten, das dem historischen Duellfechten sehr nahe kommt, finden wir viele Parallelen zu den asiatischen Kampfsportarten. Ein regelmäßiges Training erhöht die physische Kondition, steigert die Reflexe, die Flexibilität und, um ein leicht verpöntes Wort zu verwenden, die Disziplin, Eigenschaften, die im heutigen Schauspielerberuf sehr wichtig sind.

Nun werden viele sagen, wenn szenisches Fechten so wichtig ist für die Ausbildung, warum streichen dann viele Schauspielschulen Fechten aus dem Ausbildungsplan! Ich nehme an, daß die Situation in Deutschland ähnlich ist wie in Frankreich, wo ich seit zehn Jahren lebe und arbeite. Es fehlt an für szenisches Fechten ausgebildeten Fechtlehrern.

Mayer.gif (289128 octets) Genau wie Schlägerfechten stellt szenisches Fechten eine eigene Fechtart dar. Der Fechtlehrer muß nicht nur die drei Grundwaffen Florett, Degen und Säbel beherrschen und vermitteln können, er muß auch in der Lage sein, den Schüler an so ausgefallene Waffen wie Kurzdegen und Rapier, Bidhänder-Schwert und Streitaxt oder "Epée de Cour" (Ein im 18.Jhd am franz. Hof getragener leichter Degen mit verkürzter Klinge) heranführen zu können.

Selbstverständlich darf ich einen Schauspieler nicht wie einen Sportfechter ausbilden. Schnell ein paar Unterschiede zur Technik:

- Während der Sportfechter sich auf einer Bahn befindet, bewegt sich der Schauspieler in einem Raum, häufig mit anderen Schauspielern.

- Der Wettkämpfer versucht seinen Gegner zu treffen, der Schauspieler versucht es zu vermeiden.

- Der Degen ist im Wettkampf eine reine Stoßwaffe. Auf der Bühne wird der Degen schon aus Sicherheitsgründen mehr zur Hiebwaffe.

Die Liste der Unterschiede läßt sich beliebig verlängern. Hinzu kommt, daß ich als Fechtlehrer für szenisches Fechten auch wissen muß, was eine Szene ist. Wie bewege ich mich auf einer Bühne oder vor einer Kamera? Welche Aktionen sind publikumswirksam und warum? Wie integriere ich einen Text in eine Fechtszene und umgekehrt? Kurz gesagt, eine schauspielerische Grundausbildung ist genau so wichtig wie eine fechterische!

Als letzten Punkt möchte ich angeben, daß historische Grundkenntnisse ebenfalls zum Handgepäck eines Fechtlehrers für Bühne und Film gehören sollten. Welche Waffen oder welcher Fechtstil zu welcher Epoche ist ein Thema, zu dem man sehr viel schreiben kann. Das Romeo sich in einer klassischen Inszenierung in der modernen Fechtgrundstellung aufstellt, kann sehr störend sein. Nun ja, manchmal will der Regisseur es so.

Aus dieser kurzen Abhandlung läßt sich ersehen, daß szenisches Fechten die schauspielerische Ausbildung in vielen Punkten ergänzt. Dialog, Rhythmus, Gedächtnis, Raumerfahrung, Gefühle, Disziplin sind für den Schauspieler sehr wichtig. Szenische Fechten bietet dem Schauspieler die Möglichkeit, Basisarbeit und Grundlagen des Theaters mit anderen Mitteln zu erlernen und zu erfahren. Leider gibt es keine gezielte Ausbildung für szenisches Fechten. Die für Sportfechten ausgebildeten Lehrer haben oft große Schwierigkeiten, den Anforderungen der Schauspielschulen gerecht zu werden. So verschwindet Fechten immer mehr von den Ausbildungsplänen und wird häufig durch asiatische Kampfsportarten ersetzt. Genau wie beim Breitensport verliert das Fechten an Terrain.

En garde, chers maîtres, c'est fin de piste. Noch einen Schritt zurück und wir sind aus der Bahn.

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Nachtrag:

Dieser Beitrag ist ein Diskusionspapier. Ich würde mich freuen, wenn andere Fechterinnen und Fechter mir ihre Erfahrungen in szenischem Fechten (Theaterfechten) mitteilen würden.

michael.m.hewer@jeuxdepees.fr

©Cie.STICS 1995