ER ZOG SEIN SCHWERT UND TANZTE  

von Michael M.Hewer

 
 

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Als Fechtmeister, auf szenisches Fechten spezialisiert, ist man nie vor Überraschungen sicher. Diesen Sommer hatte ich die Gelegenheit, drei Wochen lang ins französische 17. und 18. Jahrhundert einzutauchen, und das im sonnigen Kalifornien.

    Die Einladung kam im Dezember 97 und ließ mich erst einmal alles vergessen, was mich in diesem Augenblick beschäftigte. „Dear Michael, we would like to have you for our Workshop." Catherine Turocy, „Big Boss" der New York Baroque ballet Company, organisierte einen Barocktanz - Workshop für professionelle Tänzer in Napa, California. Eingefädelt hatte diesen Kontakt eine gute Freundin, die Choreografin Edith Lalonger, mit der ich ein ähnliches Projekt in Paris am vorbereiten war.

Wauwhh – Hollywood. Aber ein Blick auf die Landkarte belehrte mich, dass Napa 80 Meilen nördlich von San Francisco liegt, in einem herrlichen Tal voller Weinberge, und etliche hundert Meilen von Hollywood entfernt ist. Als normaler Mitteleuropäer, der nie seinen alten Kontinent verlassen hat, konnte ich mir die immensen amerikanischen Entfernungen nur schwer vorstellen. Aber dies war nur die erste von vielen interessanten Entdeckungen.

Gesponsort wurde das Ganze von Mr. Jarvis, Weinproduzent in Napa. Das von ihm gegründete Jarvis Conservatory stellte Geldmittel, ein modern eingerichtetes Theater und Proberäume zu Verfügung. Der Workshop: "With Drawn Sword he Dances ..., die Ausbildung des französischen Edelmanns im 17. und 18. Jahrhunderts" richtete sich vorwiegend an Profitänzer. Genaue Details meiner Teilnahme konnten im Vorfeld nicht abgeklärt werden. Auch wurden zwei andere Fechtspezialisten, Richard Pallaziol und Maestro Ramon Martinez, als Lehrer eingeladen. So musste von mir, unterstützt durch die persönlichen Recherchen Edith Lalongers, einiges an Vorarbeit in der französischen Nationalbibliothek geleistet werden. Schnell stellte sich heraus, das fechten und tanzen zur Zeit Louis XIV. nicht selten von ein und der selben Person und in den selben Räumlichkeiten unterrichtet wurde. Theoretisch musste also eine gegenseitige Beeinflussung stattgefunden haben. Aber außer einigen Tanzchoreografien dieser Zeit, die ganz klar Fechtelemente enthielten oder Fechten zum Thema hatten, konnte ich nichts interessantes entdecken.

Er zog sein Schwert und tanzte

So flog ich denn mit leicht gemischten Gefühlen Mitte Juli nach Kalifornien. Der Empfang im Hause Jarvis war sehr warmherzig. So auch der erste Kontakt mit Catherine Turocy, ihren Assistenten Deda Colonna und Carlos Fittante, und den anderen 18 Teilnehmern des Workshops. Unter anderem erfuhr ich, dass eine Rolle für mich in der Schlussaufführung vorgesehen war.

In der ersten Woche beteiligte ich mich am Tanztraining, wobei mir doch schmerzlich bewusst wurde, dass meine dreijährige Ballettausbildung schon 15 Jahre her ist. Nicht desto trotz war diese Woche sehr aufschlussreich, gab sie mir doch die Möglichkeit, das Bewegungsrepertoir der Barocktänzer zu studieren. Die Ähnlichkeit zwischen einzelnen Fechtpositionen des 18. Jahrhunderts und Barocktanzbewegungen der selben Zeit waren schon frappierend. Die praktische Arbeit wurde Nachmittags durch theoretischen Unterricht ergänzt. Informationen über die Sozialstrukturen des 17./18. Jahrhunderts wechselten sich mit Musikstudien und Choreografielehre ab.

Die ersten Arbeitselemente kamen aus der Theorie. Der französische Edelmann wurde zum Tänzer ausgebildet. Louis XIV. war ein hervorragender Tänzer und Choreograph. Wie die Dokumente aussagen, beschränkte sich die Tanzausbildung vorwiegend auf Bein- und Fußbewegungen. Arme und Hände führten sogenannte „Ornamente" aus. Ein Schwerpunkt der Fechtarbeit dieser Zeit war die Arm- und Handarbeit, der Wechsel der Handposition von Pronation in Supination. Dies ergänzte sich vorzüglich mit der Beinarbeit der Tänzer. In einem Brief an seine Kommandanten schrieb Ludwig XIV, das Tanzen die Fechtarbeit unterstütze. Es sorge für die Schnelligkeit der Beine und helfe dem Kämpfer, leicht sein Gewicht zu verlagern und die Richtung zu wechseln, ohne sein Gleichgewicht zu verlieren. So wünschte er, das seine Soldaten neben der Kunst des Fechtens auch den Tanz studierten.

Tanz hatte auch eine gesellschaftliche Funktion. Der Tänzer lernte, das jeder Mensch von einer persönlichen Sphäre umgeben ist, einer Art Blase, die den Kontakt mit anderen Elementen einer sozialen Gruppe bestimmten. Die Armhaltung der Tänzer symbolisierte diese Sphäre, mit der sie sich auf einer engen Bühne bewegten, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen. Dieses Training half ihnen bei Hofe, wo hunderte von Adeligen um den König kreisten, jeder in seiner Blase. Diese Theorie ergänzt sich herrlich mit dem Fechten. Mit dem Degen beschreibe ich eine persönliche Sphäre. Die Paraden begrenzen und markieren sie, machen sie für einen potenziellen Gegner sichtbar. Der Angriff letztendlich ist das Eindringen in die gegnerische Blase, das Überwinden der durch die Paraden angegebenen Grenzen. Wir sehen, das sich Tanzen und Fechten ergänzt. Der Adelige profitierte nicht nur eines ausgewogenen Ganzkörpertrainings, sondern lernte auch, sich in einer harten Gesellschaftsordnung zu behaupten.

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Die ersten zwei Wochen waren reich an Begegnungen mit anderen Disziplinen. Arne Zaslov hatte wie ich mit Jacques Lecoq in Paris studiert und stellte an zwei Nachmittagen Maskenarbeit vor. Hier entstand die Grundidee für eine Parodie des „Jeux de Paumes" mit Masken der Commedia dell‘Arte, die wir später in die Ballettaufführung integrierten. Richard Pallaziol unterrichtete szenisches Fechten. Es machte sehr viel Spaß mit ihm zu arbeiten, doch muss im Nachhinein gesagt werden, das sein Fechtstil weit eher mit einem Rapier des 15. Jahrhunderts als mit einem Hofdegen des frühen 18. funktionierte. So waren seine von ihm vorgestellten Bewegungsabläufe häufig gegensätzlich zu den im Barocktanz studierten. Da klappte es schon besser mit Ramon Martinez, der Ende der zweiten Woche 2 Tage Seminar hielt. Maestro Martinez leitet in New York eine Schule für historisches Fechten. Er stellte italienischen und spanischen Stil des 15. und 16. Jahrhunderts vor. Hier fanden sich die Tänzer wieder, da er vor allem in seinem Kurs über den spanischen Stil viel von Kreisräumen und Sphären sprach. Ich habe diese Technik noch nie so klar und einfach erläutert gefunden wie bei ihm.

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In der zweiten Woche entwickelte sich eine herrliche Zusammenarbeit zwischen dem Choreografen Carlos Fittante und mir. Carlos studierte mit vier Tänzern eine Sarabande nach einer alten Notierung aus dem 18. Jahrhundert ein. Ausgehend von einer Gravierung aus der selben Zeit ergänzte ich diese Choreografie mit Schwertarbeit. Es war erstaunlich zu sehen, wie leicht sich die Tanzbewegungen in Fechtbewegungen umsetzen ließen. Manchmal mussten Schrittfolgen geändert werden, aber da das Fechten sich organisch in den Tanz integrieren ließ, stellte dies für die Tänzer kein Problem dar. Das Ergebnis nach einer Woche Arbeit war die herrliche Choreografie eines Schwertertanzes im französischen Barockstil, die sehr gut beim Publikum ankam.

Die letzte Woche war voll den Proben und der Montage des Schlussspektakels gewidmet. In meiner Rolle als „Monsieur Coupé, Maître d‘armes" hatte ich nicht nur viel Text in einer fremden Sprache zu integrieren. Neben den Bühnenproben des Schwertertanzes musste ich auch eine historische Fechtlektion im Stile der alten französischen Meister Labat, Danet und La Perche kreieren, die die Show einleitete. Wieder war ich überrascht über die Leichtigkeit, mit der die Tänzer die französischen Fechtpositionen erarbeiteten. Der Ballettabend „With Drawn Sword he Dances" war ein voller Erfolg. Er kam beim Publikum als auch bei der lokalen Presse sehr gut an.

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Nach Wochen intensiver Arbeit ist es immer schwer, sich von einem Team zu trennen. Catherine Turocy hat es geschaft, den Teilnehmern des Workshops ein reichhaltigen Angebot zu bieten. Sehr interessant waren die Begegnungen mit Arne Zaslov und Ramon Martinez und die musikalische Unterstützung von James Richman. Und in Deda Colonna und Carlos Fittante besitzt Catherine zwei hervorragende Mitarbeiter mit reichen Kenntnissen.

Sicher besteht eine Beziehung zwischen Barocktanz und dem französischen Fechtstil den 17./18. Jahrhunderts. Wer wen am meisten beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Persönlich glaube ich aber, das der Tanz mehr Elemente des Fechtens integriert hat als umgekehrt. Aber das ist nur eine von vielen offenen Fragen, die nur in Zusammenarbeit mit anderen Tänzern und Choreografen geklärt werden können.

Es bleibt mir nur noch allen zu danken, mit denen ich das Glück hatte, drei Wochen lang zu arbeiten und ohne die natürlich nichts hätte geschehen können, und die Hoffnung auszusprechen, das diese Begegnung mit Catherine Turocy nicht die Einzige bleibt.

 

 

michael.m.hewer@jeuxdepees.fr


©Cie.STICS 1998